Vier Präsidenten nicht gesehen

Hineingeschlichen hat er sich, durch die Katakomben vielleicht oder sonstwie unsichtbar für den Normalsterblichen. „Obama? Hab‘ ich nicht gesehen“, sagt Joe aus dem  810 Deli, während vor seiner Tür eine Hundertschaft Polizisten die 7th Avenue abriegelt. Der mächtigste Mann der Welt hat gegenüber im Sheraton eingecheckt, aber die ebenso plötzliche wie unerwartete Nähe zu seinem Präsidenten lässt den Delikatessenverkäufer vom Times Square kalt. Für ihn ist der Uniformiertenaufmarsch vor der Tür Präsidentenroutine. „Man sieht sie nie“, sagt Joe. „Ich hab‘ hier schon vier Präsidenten nicht gesehen.“

Am Tag zuvor hatte Barack Obama per viertelstündiger Ansprache an die Nation verkündet, wie es nun weitergehen soll in Afghanistan, wo die USA jeden Tag rund zwei Milliarden Dollar verballern. Nun war er nach New York gekommen, um vor einer Schar ausgewählter Soldaten (und Fernsehkameras) die vermeintlich frohe Botschaft vom beschleunigten Abzug noch einmal zu erklären. Abends besuchte der Präsident das Musical „Sister Act“ auf dem Broadway. Damit er sich zwischen Kasernen- und Theaterbesuch die Nase pudern kann, hatte das Weiße Haus für diesen Nachmittag das eine oder andere Doppelzimmer im Sheraton gebucht. Die Qualität der Betten haben der Präsident und sein Gefolge im Hotel nicht geprüft. Als die letzten Töne des Musicals verklungen waren, machte sich die Regierungstruppe auf den Rückweg nach Washington. Und die 7th Avenue war wieder frei.

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